Rückversicherung für ein Land in Trümmern
Berlin in Trümmern, 1946
Deutschland 1945 – nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag das Land in Trümmern. Das galt buchstäblich auch für die öffentlichen Versicherer. Diese spielten seit Jahrhunderten eine besondere Rolle im deutschen Markt. Die regional tätigen Versicherungsunternehmen waren eng mit dem Staat verbunden und kooperierten häufig mit den regionalen Sparkassen. Die teilweise sehr kleinen Unternehmen arbeiteten bis dato in einem gemeinsamen Verband und sorgten für den Risikoausgleich über eine gemeinsame Rückversicherung. Beides war für die Öffentlichen besonders wichtig. Beides fand in Berlin statt. Und beides fand in Berlin ein Ende.
Wer sind diese „öffentlichen Versicherer“?
Seinen öffentlichen Versicherer in der eigenen Region kennt jedes Kind – im Süden zum Beispiel als Versicherungskammer Bayern, im Norden und Westen als Provinzial Versicherungen, im Osten und Teilen des Südens als Sparkassen Versicherung, um nur die größten zu nennen.
Öffentliche Versicherer gibt es schon seit 350 Jahren. Den ältesten, die Hamburger Feuerkasse, seit 1676. Die meisten Öffentlichen wurde als kommunale oder staatliche Feuerversicherer im 18. Jahrhundert gegründet. Ihr Grundgedanke: breiten Gesellschaftsschichten Vorsorge ermöglichen. Ähnlich wie bei den Sparkassen.
Auch heute noch sind die Länder und Kommunen indirekt Eigentümer der Öffentlichen. Träger und Aktionäre fast aller öffentlichen Versicherer sind Sparkassen, Landesbanken, Landschaftsverbände und die regionalen Sparkassen- und Giroverbände, die selbst wiederum mehrheitlich im Eigentum der Länder und Kommunen sind.
Versichern verboten!
Die alliierten Siegermächte USA, Sowjetunion, England und Frankreich teilten die deutsche Hauptstadt nach Kriegsende – wie das gesamte Land – in vier Besatzungszonen auf. Berlin lag – isoliert vom Westen – in der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR. Das große Verbandsgebäude der öffentlichen Versicherer wurde zum Sitz der Alliierten Stadtkommandantur, vor dem Soldaten der Siegermächte patrouillierten.
Auch die öffentlichen Versicherer in den früheren Ostprovinzen des Deutschen Reiches wurden aufgelöst. Denn diese Gebiete gehörten nun zu Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion.
Das alte Gebäude des Feuerverbands in Berlin-Dahlem diente nach 1945 als Sitz der Alliierten Kommandantur. Sowjetische, britische, französische und amerikanische Soldaten vor dem Verbandsportal.
Die vier Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg und die beiden Zentren der öffentlichen Versicherer in Hamburg und Düsseldorf
Die Sowjetunion verbot in ihrer Besatzungszone alle Versicherungen. Der gemeinsame Rückversicherer der Öffentlichen, die „Deutsche Rückversicherungs-Gemeinschaft Aktiengesellschaft“ musste seinen Betrieb einstellen und verlor alle Vermögenswerte.
Ausgebombte oder vertriebene Flüchtlinge auf dem Wilhelmplatz in Berlin Mitte
Von 43 öffentlichen Versicherern hatten nur 24 den Zweiten Weltkrieg überlebt.
Von Berlin nach Düsseldorf und Hamburg
Mühsam mussten sich die öffentlichen Versicherer in den westlichen Besatzungszonen – der späteren Bundesrepublik Deutschland – neu aufstellen. Die Lebens- und Unfallversicherer sammelten sich mit einem neugegründeten gemeinsamen Verband in Düsseldorf. Über diesen organisierten sie ihre Rückversicherung genossenschaftlich.
Erklärung für einen Interzonen-Pass für Dr. Franz Knörlein, Chefmathematiker des Verbands, um von Berlin in die britische Besatzungszone nach Düsseldorf zu reisen, 16. Juni 1949
Rückversicherung ja, aber wie?
Für die Feuerversicherung – traditionell ihr Kerngeschäft – gründeten die Öffentlichen in Hamburg unter Federführung des ältesten in ihren Reihen, der Hamburger Feuerkasse, eine „Vereinigung der öffentlichen Feuerversicherungsanstalten“ und eine provisorische „Rückversicherungsvereinigung“.
Jetzt ging es daran zu entscheiden: In welcher Form sollte künftig die Rückversicherung der öffentlichen Feuerversicherer organisiert werden? Als genossenschaftliche Lösung über den Verband oder wie zuvor über eine Aktiengesellschaft?
Luftaufnahme von Hamburg-Hammerbrook mit Heidenkampsweg und Süderstraße sowie Billhafen nach dem Zweiten Weltkrieg
