Das Geschäft gab man dann meist an zweit- oder drittklassige Adressen in die Retrozession weiter. Doch auch deren Kapazität war bald erschöpft. Außerdem wurde in London zum Teil in betrügerischer Weise Geschäft gezeichnet, für das es keine Vollmachten gab. Und die Deutsche Rück geriet zu allem Überfluss mit ihrem US-Engagement auch noch voll in die sich aufbauende Asbest- und Haftpflichtkrise. 

Die Gesellschaft war genau zum falschen Zeitpunkt mit den falschen Partnern ins Ausland aufgebrochen. 

Ein Teufelskreis

Es fehlte im Unternehmen an Know-how, um sich auf den angelsächsischen Märkten zu etablieren. Und die Aufsicht über das Londoner Geschäft war unzureichend. Auch andere deutsche Rückversicherer gerieten damals mit ihrem Auslandsgeschäft in Schwierigkeiten. Sie hatten jedoch meist die Möglichkeit, ihre Verluste mit anderen Sparten auszugleichen. 

Briefköpfe Doric Re und Deutsche Rück UK; 1982  benannte die Deutsche Rück ihre Tochter Doric Re in Deutsche Rück UK um.

Aber die Deutsche Rück war ja gerade deshalb ins Ausland gegangen, um einen Ausgleich für ihr belastetes Kerngeschäft zu finden. Ihr Plan, damit Risiken zu diversifizieren, ging nicht auf. 

Rote Zahlen

Jetzt hatte sie schwere Verluste aus dem Auslandsgeschäft zu verkraften. Ihr gesamtes technisches Geschäft geriet in die roten Zahlen. Die britische Aufsicht drohte mit Geschäftsverbot wegen Unterdeckung. Die Gesellschaft musste also die Kapitalmittel der englischen Tochter kräftig aufstocken.

St Saviour’s Dock, London

Durststrecke

Die Dividende für die Aktionäre der Deutschen Rück fiel für etliche Jahre aus. Stattdessen sahen sie sich gezwungen, das Eigenkapital ihres gemeinsamen Rückversicherers 1984 deutlich von 22 auf 30 Millionen DM zu erhöhen. 

Das Auslandsabenteuer hatte die Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt einen dreistelligen Millionenbetrag gekostet. 

Existenzielle Krise

Nicht nur die Verluste aus dem Auslandsgeschäft setzten der Deutschen Rück zu. On top kam 1990 noch eine extreme Belastung aus dem deutschen Geschäft: Zwischen Januar und März sorgte eine Serie von sechs heftigen Stürmen für Schäden in bisher nicht gekanntem Ausmaß.

„DARIA“ – einer von insgesamt sechs heftigen Stürmen – hinterließ wie ihre „Schwestern“ eine Schneise der Verwüstung.

Die Stürme DARIA, HERTHA, JUDITH, POLLY, VIVIAN und WIEBKE brachten der Gesellschaft die bis dahin größte Schadenbelastung ihrer Geschichte mit Bruttoschäden von 500 Millionen DM und einer Schadenquote in der Sturmversicherung von 312 Prozent.

Die gewaltigen Sturmschäden in Kombination mit den hohen Verlusten aus dem Auslandsgeschäft – teure Spätschäden aus US-Haftpflichtpolicen ließen die Schadenquote auf bis zu 700 Prozent ansteigen – stürzten die Deutsche Rück in eine schwere Existenzkrise. Aus eigener Kraft konnte sie die Lasten nicht mehr bewältigen.

Umgeworfene Bäume durch den Orkan „WIEBKE“ bei Sauerlach